Minderheitensprachen in Italien

Auch in Italien werden neben dem Italienischen noch andere Sprachen gesprochen. Diese sind teilweise eng, teilweise gar nicht mit dem Italienischen verwandt. Minderheitensprachen werden überall im Land gesprochen. Doch seht selbst...

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Zu spät bin ich auf den Fußball-Europameisterschaft-Zug aufgesprungen, aber Italien ist nun im Finale. Es wird also Zeit dieses Land einmal hinsichtlich seiner Sprachen und Minderheiten zu betrachten. 

Natürlich wird in Italien italienisch gesprochen. Für die meisten klingt diese Sprache besonders schön und melodisch. Wahrscheinlich sind nicht zuletzt deswegen die meisten Opern in italienischer Sprache verfasst, denn diese Sprache eignet sich tatsächlich am allerbesten zum Singen. Der große Luciano Pavarotti hatte unglaubliches Glück, dass diese Sprache seine Muttersprache war.

Aber auch in Italien gibt es Minderheiten, die ihre eigene Sprache sprechen. Um diese soll es nun im folgenden Artikel gehen. Auch hier beschränke ich mich wieder auf autochthone Minderheiten. Mehr hierzu, sowie zu einer kurzen Debatte darüber, findet ihr hier

Deutsch

Eine große Minderheit in Italien sind Sprecher:innen des Deutschen. Diese westgermanische Sprache wird in der Region Trentino-Südtirol (italienisch Trentino-Alto Adige) gesprochen. Darüber hinaus ist das Deutsche in Italien eine anerkannte regionale Amtssprache. In Südtirol sprechen sogar bis zu 70% der Bewohner:innen Deutsch, in Trentino hingegen wird fast ausschließlich Italienisch gesprochen. Die deutschen Dialekte, die in Südtirol und in den Trentiner Sprachinseln der Zimbern und der Fersentaler gesprochen werden, sind der Bairisch-Österreichischen Dialektgruppe zuzuordnen. Die Standardvarietät in Südtirol stellt das “Südtirolerdeutsch” dar, welches einige Besonderheiten aufweist, die im in Deutschland gesprochenen Standarddeutschen fehlen. Diese Besonderheiten sind geprägt von der Interferenz mit dem Italienischen. Auf der lexikalischen Ebene entstanden auf diese Weise Wörter wie “Identitätskarte” (ital. carta d’identità), was im Standarddeutschen dem “Personalausweis” entspricht, oder es entstanden Lehnübersetzungen wie "Stammrollenlehrer" (insegnante di ruolo), die auf einen verbeamteten Lehrer verweist.

Ladinisch und Friaulisch

Das Ladinische, oder auch Ladino (bitte nicht mit dem Judenspanischen verwechseln, ein Artikel dazu ist bereits geplant) ist eine Varietät des Rätoromanischen. Rätoromanisch ist eine Sammelbezeichnung für romanische Varietäten, die im Gebiet der Zentral- und Ostalpen gesprochen wird. Es ist allerdings äußerst umstritten, ob es sich bei all diesen Varietäten um eine eigene Sprache oder um verschiedene Dialekte einer sprache handelt. Aber das ist bekanntlich auch nicht so einfach. Kriterien, mittels derer bestimmt werden kann, ob es sich bei einer Varietät um eine Sprache oder einen Dialekt handelt, findet ihr hier

Das Ladinische verfügt über etwa 30 000 Sprecher:innen.

(1) Pare  nost,   che t’ies   en ciel

     Vater unser, der tu-bist im Himmel

Eine weitere in Italien gesprochene Varietät des Rätoromanischen ist das Friaulische (auch Furlanisch genannt), welches mit seinen 500 000 Sprecher:innen die größte ist. Gesprochen wird es im Nordosten Italiens, in der Region Friuli-Venezia-Giulia.

(2) Pari nestri,che tu sês tai cîl.

Französisch

Eine weitere Regionalsprache in Italien ist das Französische. Gesprochen wird es dort im Aostatal. Die Ortsnamen sind dort fast ausschließlich französische und seltener italienische Muttersprache ist es jedoch nur für sehr wenige Menschen dort. Stärker ausgeprägt ist das Frankoprovenzalische, das ich gleich noch einmal illustrieren werden. Sprachkenntnisse des Französischen haben dort jedoch viele.

Frankoprovenzalisch

Eine weitere romanische Sprache, die sowohl im Aostatal, als auch in einigen Tälern im Piemont, sowie in einigen apulischen Sprachinseln gesprochen wird, ist das Frankoprovenzalische. Auch hier ist es sehr umstritten, ob es sich um eine eigene Sprache oder um einen Dialekt des Okzitanischen handelt (siehe auch hier).

Das folgende Beispiel zeigt die frankoprovenzalische Varietät aus dem Aostatal.

(3) Noutro Përe que t’ë su i chiel...

Katalanisch

Beim Katalanischen ist Italien nicht das erste Land, an das man denkt. Gesprochen wird es dort in Alghero auf Sardinien, weswegen speziell dieser Dialekt auch Algherisch genannt wird. Gesprochen wird er von ungefähr 20 000 Sprecher:innen. Alghero gehörte seit 1354 zum Königreich Aragón. Die ursprünglichen Einwohner:innen Algheros wurden von katalanischen Siedler:innen aus Campo der Tarragona, Barcelona, Valencia, Tortosa und Mallorca vertrieben. Auf diese Weise vermischten sich verschiedene katalanische Varietäten mit sardischen und italienischen Elementen (mehr zum Katalanischen in Frankreich findet ihr hier). 

Sardisch

Das Sardische ist eine eigene romanische Sprache mit ungefähr 1 000 000 Sprecher:innen. Im Mittelalter war die Insel weitestgehend selbstständig und die Sprache entwickelte sich relativ isoliert. Aus diesem Grund gilt das Sardische als archaische romanische Sprache. Das Sardische verfügt ebenfalls über Dialekte, deren nördliche eher mit dem Korsischen verwandt sind.

(4) Babbu nostru ch’istas in sos chelos

Okzitanisch

Auch in Italien wird Okzitanisch gesprochen. Sein Gebiet sind die südlichen Alpentäler Piemonts sowie kleinere Sprachinseln im südlichen Italien. Hierbei handelt es sich um eine galloromanische Sprache (mehr zum Okzitanischen findet ihr hier).

Slowenisch

In der Region Friaul-Julisch-Venetien wird slowenisch von ungefähr 5% der regionalen Bevölkerung gesprochen. Beim Slowenischen handelt es sich um eine slawische Sprache, in der in den entsprechenden Gemeinden auch unterrichtet wird. Es kann sogar eine Abiturprüfung auf slowenisch abgelegt werden.

Albanisch 

Verteilt im gesamten Mezzogiorno, aber auch auf Sizilien wird Albanisch  von ungefähr 80000 Personen gesprochen. Das Albanische macht einen eigenen Zweig der indogermanischen Sprachen aus. Die Varietät des Albanischen, die in Italien gesprochen wird, wird Arbëresh genannt. Hierbei handelt es sich um eine alte Varietät, die eine Dialektgruppe des Toskischen ausmacht und sich von der damaligen Hochsprache wesentlich unterschied. Mit der Ausdehnung des osmanischen Reichs im 14. Jahrhundert  flüchteten zahlreiche christliche Albaner:innen nach Dalmatien, in südgriechische Gebiete und ins heutige Italien. Insgesamt gab es 9 Auswanderungswellen nach Italien. Die letzte von ihnen dauert bis heute an. 

Die heutige albanische Standardsprache basiert tatsächlich auf einem südlichen toskischen Dialekt, doch aufgrund der verschiedenen Akzente und Flexionen wird das Arbëresh von Muttersprachler:innen des Standardalbanischen nicht einfach so verstanden. Auch im Lexikon unterscheiden sich das Arbëresh und das heutige Standardalbanische wesentlich. Ungefähr 45% der Wörter stimmen überein. Der Einfluss des Sprachkontakts mit dem Italienischen, vor allem mit süditalienischen Dialekten ist also enorm. Arbëresh gilt als bedroht. Die junge Generation spricht es immer weniger, was unter anderem daran liegt, dass es kein einheitliches Arbëresh gibt, sondern dass es lokal sehr verschieden sein kann. Allgemein ist die Verständigungssprache auch unter Italo-Albaner:innen Italienisch. 

Italo-Albaner:innen sind gehören teilweise der katholischen Kirche an, teilweise auch der byzantinischen oder der griechisch-orthodoxen Kirche an. 

Griko

Eine weitere in Italien gesprochene Sprache ist Griko. Der Status des Griko als Sprache oder Dialekt des Griechischen ist umstritten. In Italien ist Griko eine anerkannte Minderheitensprache und wird in kleineren Gemeinschaften Apuliens und Kalabriens gesprochen. Im Griechischen wird dieser Dialekt auch Katoitaliótika (Niederitalienisch) genannt.  Diese Varietät enthält altgriechische, byzantinisch-griechische und italienische Elemente. 

Es gibt verschiedene Hypothesen, wie jene Varietät entstanden ist. Zum einen gibt es die Hypothese Rohlfs' und Chatzidakis’ (1977), bei der angenommen wird, dass die Wurzeln des Griko bis in die Antike zurückreichen, als die Griechen im südlichen Italien Kolonien gründeten. Zum anderen gibt es die Hypothese Morosis (1870), bei der angenommen wird, dass das Griko auf die Sprache byzantinischer Siedler:innen zurückzuführen sei. 

Das Griko verfügt über ein umfassendes Repertoire an Folklore. Die Lieder sind in Italien und in Griechenland erfolgreich. 

Molisekroatisch

Neben dem Italienischen und dem Arbëresh wird in der Region Molise auch das Molisekroatische (auch Moliseslawisch genannt) gesprochen. Hierbei handelt es sich um eine südslawische Sprache, die außerdem in der Region Campobasso, Australien in der Region Perth und in Argentinien von Migrant:innen aus ebendiesen italienischen Ortschaften gesprochen wird. Auch beim Molisekroatischen ist es umstritten, ob es sich tatsächlich um eine eigene Sprache, oder um einen Kroatischen bzw. Serbokroatischen Dialekt handelt. 

Über die Herkunft der Moliseslaw:innen existieren verschiedene Hypothesen, die sich an sprachlichen Besonderheiten dieser Varietät festmachen lassen. Das Molisekroatische verfügt über Čakavisch-Štokavisch-Ikavische Besonderheiten, die man auch in südkroatischen Dialekten findet. Es wird angenommen, dass die die Vorfahren der Moliseslaw:innen vor etwa 500 Jahren auswanderten. Für diesen Zeitpunkt spricht, dass im Moliseslawischen Turkismen völlig fehlen, weshalb man davon ausgeht, dass die Auswanderung vor der osmanischen Expansion stattfand. Auch fehlt in dieser Varietät die Genitiv-Plural-Endung -ā, die sich erst nach dem 16./17. Jahrhundert in Kroatien entwickelt hatte. Die hier beschriebenen Fälle zeigen, dass die Linguistik manchmal ein gutes Hilfsmittel für die Geschichtswissenschaft sein kann. Interdisziplinäres Arbeiten ist generell zu befürworten. 

Aufgrund des sehr starken Sprachkontakts zwischen dem Italienischen und dem Molisekroatischen gingen hierbei die Lokativ- und Vokativ-Deklinationen verloren, jedoch blieben die übrigen Kasus unabhängig vom Italienischen weiter erhalten. Der Komparativ im Moliseslawischen erfolgt komplett analog zum Italienischen analytisch mit veča (mehr, italienisch: più). Interferenzen des Italienischen zeigen sich somit auf allen Ebenen. 

Italienische Dialekte und nicht anerkannte Minderheiten

Das Italienische verfügt über eine Vielzahl an Dialekten, die sich teilweise stark vom Standarditalienischen unterscheiden, sodass einige von ihnen zuweilen als eigene Sprache betrachtet werden. Ein Beispiel dafür ist das Venetische. (Einen kurzen Anriss über einen italienischen Dialekt findet ihr auf diesem Blog hier).

Wie in zahlreichen anderen europäischen Staaten sind auch in Italien das Jiddische und das Romani nicht anerkannt. Eine weitere weitestgehend ausgestorbene Sprache ist das Judenitalienische, über deren Sprecherzahlen wenig bekannt ist. Der Schriftsteller Primo Levi schrieb in seinem Roman “Das periodische System” über das Judenpiemontesische. Auch ist keine genaue Anzahl an Sprecher:innen des Judenspanischen in Italien bekannt. 

Wusstet ihr, dass in Italien so viele Sprachen gesprochen werden?

 

#alugha

#everyoneslanguage

#multilingual

 

Quellen:

Gabriel, Christoph & Meisenburg, Trudel (2007): Romanische Sprachwissenschaft, Paderborn: Wilhelm Fink (einschließlich der Zitate aus dem Vater Unser)

Morosi, Giuseppe (1870): Studi sui dialetti greci della terra d'Otranto, Lecce

Rohlfs , Gerhard (1977): Grammatica storica dei dialetti italogreci: Calabria, Salento. (Trad. del manoscritto tedesco di Salvatore Sicuro). München: Beck

https://blog.fid-romanistik.de/2020/12/05/judenspanisch-ein-historischer-und-linguistischer-ueberblick-zum-dia-internacional-del-ladino-am-5-12/ (08.07.2021, 14:32)

https://de.wikipedia.org/wiki/Arb%C3%ABresh (08.07.2021, 14:57)

https://de.wikipedia.org/wiki/Griko (08.07.2021,14:19)

https://de.wikipedia.org/wiki/Italien#Sprachen_und_Dialekte (08.07.2021)

https://de.wikipedia.org/wiki/Moliseslawische_Sprache (08.07.2021, 14:26)

https://de.wikipedia.org/wiki/Slowenische_Sprache (08.07.2021, 14:30)

https://de.wikipedia.org/wiki/Venetische_Sprache_(romanisch) (08.07.2021, 14:29)

https://en.wikipedia.org/wiki/Griko_dialect (08.07.2021, 14:18)

https://en.wikipedia.org/wiki/Languages_of_Italy (08.07.2021, 14:23)

https://en.wikipedia.org/wiki/Slavomolisano_dialect (08.07.2021, 14:25)

https://it.wikipedia.org/wiki/Lingua_croata_molisana (08.07.2021, 14:27)

https://it.wikipedia.org/wiki/Dialetto_griko (08.07.2021, 14:19)

https://it.wikipedia.org/wiki/Lingue_dell%27Italia (08.07.2021, 14:24)

http://www.glottopedia.org/index.php/Judenitalienisch (08.07.2021, 14:22)

 

Bildquelle: Lorenzo Lamonica via Unsplash 

 

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