Was ist (Neo-)Linguizismus?

Habt ihr schon einmal Diskriminierung aufgrund eurer Sprache oder eures Akzentes erlebt? Ich gebe hier eine kurze Einführung in den (Neo-)Linguizismus?

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Der kleine Amir ist das Kind kurdischer Migrant:innen und lebt seit einigen Jahren in Deutschland. In der Schule hat er einige kurdische Freund:innen, mit denen er sich auch gerne auf Kurdisch unterhält. Eines Tages hört eine Lehrerin die Freund:innen auf dem Schulhof Kurdisch sprechen. Wie eine Furie rennt sie zu ihnen und erklärt ihnen, dass es auf dem Schulgelände verboten ist Kurdisch zu sprechen. Sie sollten sich doch gefälligst integrieren und miteinander Deutsch sprechen -- am besten auch mit den deutschen Kinder. Zur gleichen Zeit,als die Lehrerin das sagt, laufen Michael, Anne und Liam, deren Eltern aus Amerika kommen, an dem Pulk vorbei und unterhalten sich auf Englisch. Die Lehrerin dreht sich kurz zu ihnen und sagt auf Englisch: “Have a nice day!” Amir ist verwundert und fragt die Lehrerin ganz offen, weswegen er sich nicht auf Kurdisch unterhalten darf, die Freund:innen von gerade eben aber auf Englisch.”Englisch ist etwas anderes”, ist die unbefriedigende Antwort der Lehrerin. “Wieso ist das etwas anderes?”, fragt Amir. “Weil es etwas anderes ist.”, antwortet die Lehrerin. “Englisch verstehe ich schließlich.”

Amir und die anderen sind hier frei erfunden, aber die Situation gibt es tatsächlich. Es gibt bundesweit einige Schulen, in denen der Gebrauch bestimmter Sprachen auf dem gesamten Schulgelände verboten ist. In einem Interview mit ufuq.de sprach Karim Fereidooni, Professor für Didaktik der sozialwissenschaftlichen Bildung, dass nicht nur Schüler:innen, sondern auch Lehrer:innen Diskriminierung im Schulalltag aufgrund ihrer Sprache und/oder ihres Akzents erleben. In einer von ihm durchgeführten Studie gaben besonders Lehrkräfte, die mit einem russischen oder einem dafür gehaltenen Akzent sprachen an, dass ihnen aufgrund ihres Akzents ihre fachliche Qualifikation und Kompetenz mehrfach abgesprochen wurde. Lehrkräfte, die hingegen mit einem englischen oder französischen Akzent sprachen, erfuhren diese Art der Diskriminierung nicht. Fereidooni zeigt hier, dass Native-speakerism, also die Vorstellung, dass bestimmte Sprachensprecher:innen (Muttersprachler:innen) als Norm konstruiert werden und alles übrigen Sprecher:innen dieser Sprache weniger Kompetenz zugesprochen wird, nur bei prestigeträchtigen Sprachen funktioniert. 

Hierbei sind wir beim nächsten Punkt: In unserer Gesellschaft herrscht also eine klare Sprachhierarchie. Es gibt prestigeträchtigere Sprachen als andere. Auch die Schriftstellerin Olga Grjasnowa erwähnt in ihrem Buch “Die Macht der Mehrsprachigkeit” dieses Phänomen. Besonders merkt sie auch noch an, dass vielen Sprecher:innen, die weniger prestigeträchtige Sprachen sprechen, etwa mangelnde Integration vorgeworfen wird. Gleichzeitig liegt aber in der Ober- und oberen Mittelschicht eine starke Nachfrage nach mehrsprachigen Schulen und Kindergärten. Dabei ginge es aber fast ausschließlich um prestigeträchtige Sprachen.

Ein Begriff, der in diesem Zusammenhang fällt, ist “Linguizismus”. Dieser Terminus ist eine Form des Rassismus, die sich in Vorurteilen und Sanktionen gegenüber Menschen ausdrückt, die eine bestimmte Sprache oder mit einem bestimmten Akzent sprechen. . Hierbei wird auf eine Sprachhierarchie geschaffen, indem eine Elite zur Norm erhoben wird. Oftmals findet man den Begriff auch als Instrument der Machtausübungen in der Literatur bei der Sprachpolitik während der Kolonialisierungen wieder. Auch ich habe bereits über Linguizide geschrieben, was ihr noch einmal hier nachlesen könnt.

Im Zusammenhang mit dem Linguizismus wird auch der Begriff Neo-Linguizismus genannt. Geprägt hat ihn Inci Dirim. Dieser Begriff ist neuer und subtiler. Hierbei wird den Sprecher:innen einer bestimmten Sprache nicht direkt verboten die Sprache zu sprechen, aber es wird indirekt z.B. in bestimmten gesellschaftlichen Teilbereichen wie der Schule dafür besorgt, dass ihre Sprache nicht mehr vorkommt. “Gute” Deutschkenntnisse ohne einen bestimmten Akzent in einer wenig prestigeträchtigen Sprache sind eine wichtige Voraussetzung für gesellschaftlichen Erfolg. Assimilation ist erwünscht. Neo-Linguizismus ist somit deutlich schwerer zu überwinden. Aus diesem Grunde ist es wichtig möglichst viele Alternativen zum monolingualen gesellschaftlichen Leben zu finden und zu kreieren. Auch sollten wir immer überdenken, wie wir eine Sprache oder einen Akzent bewerten. 

Habt ihr bereits (Neo-)Linguizismus erlebt?

 

Quellen:

Olga Grjasnowa: Die Macht der Mehrsprachigkeit. Duden Verlag. 2021

https://www.ufuq.de/was-ist-gutes-deutsch/ (24.06.2021, 14:00)

https://www.uibk.ac.at/ipoint/blog/876933.html (24.06.2021, 14:01)

 

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Bildquelle: Mwesigwa Joel via Unsplash

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