Mehrsprachigkeit als Ressource

Wilhelm von Humboldt bezeichnete einst Sprache als den Schlüssel zur Welt. Doch noch immer wird die Mehrsprachigkeit nicht vollständig anerkannt. Dabei ist diese eine der wichtigsten Ressourcen und ein wahrer Problemlöser.

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In Deutschland hat jede vierte Person einen Migrationshintergrund, aber auch die internationale Kommunikation wird immer relevanter. “Sprache ist der Schlüssel zur Welt”, sagte einst Wilhelm von Humboldt.

Doch noch immer ist Mehrsprachigkeit vielen Menschen nicht geheuer, obwohl dies in vielen Teilen der Erde Standard ist. Nur eine mächtige Minderheit in Europa ist einsprachig. Diese Einsprachigkeit entstand zusammen mit der Idee der Nationalstaaten. Doch nicht nur Staaten und Gesellschaften sind mehrsprachig, auch Individuen können es sein. 

Kindliche Mehrsprachigkeit

Betrachtet man die kindliche Mehrsprachigkeit, so ranken sich auch heutzutage noch zahlreiche Mythen darum. Lange dachte man, Mehrsprachigkeit überfordere Kinder und sie würden beide Sprachen nicht “richtig” lernen. Die Rede war von “doppelter Halbsprachigkeit”. Dies ist nicht der Fall. Tatsächlich kann es der Fall sein, dass Kinder eine Sprache besser sprechen, als die andere. Dies muss jedoch nicht immer ein Problem sein. Es hat auch (fast) jeder Mensch eine dominante Hand und eine weniger geschickte. So kann es auch bei den Sprachen sein. Im Übrigen sind nicht nur diejenigen mehrsprachig, die ab Geburt zwei oder mehrere Sprachen erlernen, sondern auch diejenigen, die sie im Verlauf ihres Lebens erlernt haben. Hierbei wird von simultanem und sukzessivem Spracherwerb gesprochen. 

Mehrsprachigkeit an Schulen

Natürlich gibt es Fremdsprachenunterricht an Schulen. Dieser beinhaltet in Europa jedoch zumeist nur europäische Sprachen. Herkunftssprachlicher Unterricht wird nicht in allen Schulen angeboten und oder nur extern in größeren Städten, wo dieser von den jeweiligen Konsulaten getragen wird. 

Dabei kann die Mehrsprachigkeit und das Wissen um die Herkunftskultur eine große Ressource sein und den Unterricht bereichern. Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund hätten es darüber hinaus durchaus leichter, wenn es ihnen ermöglicht würde, in ihrer Erstsprache recherchieren zu können. 

Des Weiteren können Schülerinnen und Schüler die Strukturen aus ihrer Herkunftssprache dazu nutzen und sie vergleichen, um zu verstehen, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede die verschiedenen Sprachen haben. Verschiedene Linguistinnen und Linguisten schlagen daher die Einführung eines Schulfachs namens “Sprache” vor, in dem ebendieser Vergleich Raum hätte. 

Zudem müssen Lehrkräfte stärker für das Thema Mehrsprachigkeit sensibilisiert werden, um auch etwaige Schwierigkeiten mit der Landessprache besser verstehen zu können, aber die Mehrsprachigkeit ebenfalls als Ressource auffassen zu können, denn polyglotte Menschen können flexibler denken und erkranken seltener an Demenzen. 

Was für Kinder und Jugendliche gilt, gilt auch für Erwachsene und über die kindliche und die Schulbildung hinaus. An Universitäten ist der Spracherwerb jedoch durchlässiger als an Schulen. Die Sprachvielfalt ist größer und steht allen Lernenden offen, auch jenen ohne Migrationshintergrund. Doch auch Unternehmen in der freien Wirtschaft würden von einem sprachenvielfältigeren Angebot profitieren. Es ist stets leichter komplexe Zusammenhänge in seiner Erstsprache zu verstehen und drückt ein gewisses Verständnis anderer Herkunft gegenüber aus. 

Vom Sprachen- und Artensterben

Die Globalisierung hat allerdings auch zufolge, dass verschiedene Sprachen verschwinden. Englisch und Kreolsprachen setzten sich je nach Gebiet als Lingua Franca durch, verschiedene Minderheiten- und Regionalsprachen wurden und werden unterdrückt oder gar verboten und nicht an Kinder weitergegeben. 

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fanden heraus, dass das Aussterben der Sprache auf vielen Gebieten mit dem Aussterben von biologischen Arten korreliert. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn eine Sprache ausstirbt, in der altes Wissen, das nur mündlich überliefert wurde. Damit geht auch das Wissen verloren und manche Böden können nicht mehr kultiviert werden. Viele Namen bestimmter Heilkräuter sind nur in einer Sprache bekannt. 

Anstatt also Sprachen aufzugeben und zu denken, dass wir mit dem Englischen bereits eine Lingua Franca haben, in der sich alle verständigen können, sollten wir jede Sprache als Ressource sehen und besonders das Zusammenspiel aller Sprachen auch als Teil der Arten- und Kulturenvielfalt auf unserer Erde sehen. Mehrsprachigkeit ist also ein wahrer Problemlöser und kein Problem. 

#alugha

#wespeakearthish

#multilingual

Quellen:

Krifka, M., Błaszczak, J., Leßmöllmann, A., Meinunger, A., Stiebels, B., Tracy, R., & Truckenbrodt, H. (2014). Das mehrsprachige Klassenzimmer. Berlin: Springer Berlin Heidelberg. doi, 10, 978-3

Krifka, Manfred. 2022. Die Bedrohung der sprachlichen Vielfalt. Bericht über das Forschungsjahr 2020/2021 : ZAS ; Impressionen. Berlin: ZAS.

https://mediendienst-integration.de/artikel/es-geht-auch-anders.html (19.07.2022, 12:23)

https://mediendienst-integration.de/integration/mehrsprachigkeit.html (19.07.2022, 12:22)

 

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