Gelebte Mehrsprachigkeit -- Teil 1: Interview mit A.

Ich habe viel über mehrsprachige Personen geschrieben. Aber nun möchte ich MIT mehrsprachigen Menschen sprechen. Den Anfang macht A.

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Wir können viel über Mehrsprachigkeit und mehrsprachige Menschen sprechen. Ich wollte aber auch MIT diesen Menschen sprechen und wissen, was Mehrsprachigkeit für sie bedeutet, wie ihr Alltag aussieht, was sie bewegt. Also sprach ich mit unterschiedlichen Menschen. Den Anfang macht A. (Der Name wird aus Datenschutzgründen nicht ausgeschrieben). A. ist 28 Jahre alt und in Moskau geboren, wo er auch die erste Klasse besuchte. Im Alter von 8 Jahren kam er nach Deutschland und wurde dort eingeschult. Nach seinem Abitur studierte der Hobbypianist Mathematik, arbeitet heute in Liechtenstein und lebt mit seiner belarussischen Lebensgefährtin in Österreich.

Hallo A., erzähl bitte unseren Leser:innen kurz etwas über dich. Du bist in Moskau geboren …

Genau, und mit 8 Jahren kam ich dann nach Deutschland und wurde dort in die erste Klasse eingeschult.

Vor deiner Ankunft in Deutschland bist du also monolingual russisch aufgewachsen?!

Ja, meine Eltern haben mit mir nur russisch gesprochen. Ich habe erst in Deutschland deutsch gelernt.

Das aber auch ziemlich schnell…

Ja, nach ungefähr 1,5 Jahren hatte ich keine Probleme mehr mit dem Deutschen.

Und hast dann einfach mal so eine Klasse übersprungen.

Genau, ich habe dann übersprungen.

Du hast aber nur durch den Kontakt in der Schule deutsch gesprochen. Oder hast du auch noch Kurse besucht?

Nein, nur durch die Schule.

Würdest du sagen, dass Deutsch deine Bildungssprache ist, zumindest du Schulzeit über?

Ja, das denke ich schon. Im Gymnasium habe ich dann noch Englisch und Französisch gelernt.

Hast du außerhalb des einen Schuljahres in Russland noch Bildung auf russisch erfahren, wie beispielsweise in Form von Kursen?

Nein. 

Hatten deine Eltern vor eurer Ankunft nach Deutschland schon einen Bezug zur deutschen Sprache oder zu Deutschland?

Nein, mein Vater kam bereits als Kontingentflüchtling nach Deutschland und später zogen meine Mutter und ich als Familie nach. 

Wenn ich dir ein Buch gebe, das du entweder auf russisch oder deutsch lesen kannst, in welcher Sprache würdest du es lesen?

Ich würde es in der Originalsprache lesen.

Okay, Gedankenexperiment. Stell dir vor, es handelt sich dabei um eine*n deutsch-russische*n Autor*in, der*die beide Sprachen gleich gut beherrscht und das Buch gleichzeitig in beiden Sprache geschrieben hat. 

(lacht) Wenn das so ist, dann würde ich es auf russisch lesen.

Und, wenn es sich nun um ein mathematisches wissenschaftliches Paper handelt?

Dann eher auf deutsch.

Du hast während deiner Studienzeit dann noch italienisch und spanisch gelernt. Wie hast du beide Sprachen gelernt?

Italienisch habe ich zunächst mit Babbel gelernt und dann ein Erasmus-Semester in Bologna verbracht und ich hatte dort fast nur Kontakt zu Italiener*innen.

Ah. Manchmal ist es als Erasmus-Student*in gar nicht so einfach zu den Studierenden des jeweiligen Landes Kontakt zu halten. Man ist da ja oft in der Erasmus-Schiene…

Ja, ich habe aktiv nach Kontakten zu studierenden außerhalb des Erasmus-Programms gesucht. Ich konnte mich mit den anderen Erasmus-Studierenden nicht so gut identifizieren. So habe ich dann viel Italienisch gelernt. Spanisch habe ich zunächst dann auch mit Babbel gelernt und dann aktiv nach Freund:innen und Tandempartner:innen gesucht.

Cool. Und dann hast du mit Babbel noch Türkisch, Portugiesisch und Polnisch gelernt.

Ja, genau

Konntest du das dann auch anwenden?

Ja, ich habe mir auch ein Sprachtandem für Portugiesisch gesucht. Aber wir haben uns nicht oft getroffen.

Eine mehrsprachige Schriftstellerin sagte einst, dass sie sich die einzelnen Sprachen als Räume vorstellt, deren Türen sie entweder vollständig schließen, aber eben auch unterschiedlich weit offen stehen lassen kann, je nachdem wie sie möchte, dass sich die Sprachen einander beeinflussen. Kannst du mit dem Bild etwas anfangen, oder hast du ein anderes Bild? Wie sieht es in deinem Kopf aus?

Ich finde die Vorstellung von den Räumen sehr treffend. Wenn ich beispielsweise von Spanischsprachigen umgeben bin, bin ich im Spanischraum und fange an auf spanisch zu denken. Das geht bis hin zu träumen. In Italien habe ich auch auf italienisch geträumt. Meine Räume sind auch themenbezogen. Ich habe viele Schachvideos auf englisch gesehen und meine Schachsprache ist englisch. Wenn ich etwas mache, was mit Schach zu tun hat, ist es immer auf englisch. 

Und die Türen? Kannst du sie dir offen halten, möchtest du sie dir offen halten oder eben schließen?

Das mit den Türen verstehe ich nicht ganz.

Italienisch und Spanisch sind ein Beispiel für Sprachen, die einander sehr ähnlich sind. Mir hilft es manchmal, die Türen zu schließen, damit ich keinen spanischen Einfluss in meinem Italienischen habe. Manchmal lasse ich aber auch bewusst Türen offen, um mir Wörter besser einzuprägen, oder um die Strukturen verschiedener Sprachen zu vergleichen. Geht es dir da manchmal ähnlich oder hast du da komplett andere Vorstellungen?

Das sind zwei komplett unterschiedliche Situationen. Wenn ich spreche, sind die Türen geschlossen. Ich schließe sie nicht bewusst, aber sie sind geschlossen. Ich denke dann nicht mehr darüber nach, sondern spreche einfach. Manchmal denke ich aber auch ein Wort wäre beispielsweise spanisch, dabei ist es eigentlich italienisch. Aber auch das geschieht unbewusst.

Türen haben ja auch Schlüssellöcher.

Auf der anderen Seite vergleiche ich gerne Sprachen. Das geschieht sehr bewusst und darin könnte ich mich auch verlieren.

Wie sieht aktuell dein mehrsprachiger Alltag aus? Welche Sprache sprichst du mit deiner Freundin?

Mit meiner Freundin spreche ich spanisch. Das hat sich zu unserer Beziehungssprache entwickelt.

Das ist ja für euch beide eine Fremdsprache.

Ja, aber sie fühlt sich mit dem Spanischen am wohlsten.

Und wie ist es bei der Arbeit? 

Da spreche ich deutsch, aber auch viel italienisch, weil ein Kollege Italiener ist. 60 Prozent deutsch, 40 Prozent italienisch würde ich sagen.

Welche Sprache sprichst du mit deinen Eltern und deinen Geschwistern?

Ausschließlich Russisch.

Du hast noch keine Kinder. Könntet ihr euch vorstellen, eure Kinder mehrsprachig zu erziehen und habt ihr bzw. hast du eine Idee oder einen Wunsch, wie ihr das handhaben wollt?

Ich möchte mit meinen Kindern auf jeden Fall russisch sprechen.

Okay, Spanisch als eure Beziehungssprache würden sie dann auch mitbekommen. Wenn ihr euch damit so wohl fühlt.

Ja, aber das überlasse ich meiner Freundin. Wo auch immer wir mit unseren Kindern leben werden, möchte ich ihnen auf jeden Fall das Russische weitergeben. Wenn ich es nicht mache, dann wird es keiner machen. Niemand lernt Russisch aus freien Stücken.

Ach, da gibt es welche

Können die das gut?

Kann ich nicht beurteilen. Aber ich kenne durchaus Personen, die motiviert sind Russisch zu lernen. 

Ich kenne Personen, die in zweiter Generation in Deutschland leben, und das Russische komplett verlernen. Russisch wollen sie nicht mehr lernen.

Fehlen dir manchmal Ausdrücke, die man nur in einer Sprache sagen kann?

Mir fehlt das in allen Sprachen im Vergleich zu russisch. Auf Russisch kenne ich Wörter, Redewendungen, Witze, Wortspiele, die ich in anderen Sprachen nicht sagen kann.

Hast du das Gefühl anders zu sein, wenn du eine andere Sprache sprichst?

Nein, das empfinde ich nicht so.

Gibt es etwas, das du dir wünschst, sei es für dich oder deine Familie oder für die Gesamtgesellschaft, in Bezug auf Mehrsprachigkeit oder Mehrsprachigkeitsförderung beispielsweise seitens der Politik?

Ich glaube, wir haben schon alle Möglichkeiten. Wir leben in Europa, es ist nicht weit bis zur Grenze. Babbel kostet fast nichts. Damit kann jede*r lernen. Es sind genug Möglichkeiten vorhanden. 

Wenn du keine Fragen mehr an mich hast, dann bedanke ich mich für deine Zeit und deine Antworten.

 

Dieses Interview wurde nicht von Babbel gesponsert.

 

 

#alugha

#everyoneslanguage

#doitmultilingual

 

Bildquelle: Amir Doreh via Unsplash

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