Sprachportraits -- Teil 3: Jiddisch

Im Jahr 2021 wird 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland gefeiert. Es ist ein sensibles Thema, denn Deutschland hat nach wie vor ein Antisemitismus-Problem. Ich möchte aber über etwas Lebendiges schreiben, was gleichzeitig Zeugnis einer langen Geschichte ist. Es geht um das Jiddische, die Sprache der aschkenasischen Jüdinnen:Juden.

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Heute wage ich mich an eine besondere Sprache, über die in Deutschland gar nicht so viel bekannt ist, obwohl das Deutsche sehr eng mit ihr verbunden ist. Es geht um das Jiddische, die Sprache der aschkenasischen Jüdinnen:Juden. In der talmudischen Tradition ist Aschkenas das Land nördlich der Alpen, das heutige Deutschland, auch wenn dieser Staat vor 1700 Jahren noch gar nicht existierte. Es ist auch noch nicht so lange her, dass wir dieser Sprache im Deutschen das Glottonym Jiddisch geben. Sprecher:innen selbst bezeichnen ihre Sprache gerne als die “Mameloschn” (“die Muttersprache”), “Teitsch” oder “Loschn Aschkenas” (“Die Sprache Deutschlands”). Das Glottonym Jiddisch kam erst Ende des 19. Jahrhunderts über die USA in den deutschen Sprachraum. 

Bis heute existieren zahlreiche Vorurteile und Halbwissen über das Jiddische. Manche werten es ab als “Sondersprache” oder einfach als “Dialekt”. Allgemein ist man sich jedoch in der Linguistik darüber einig, dass es sich um eine eigene Sprache handelt.

Was ist Jiddisch und woher kommt es?

Doch der Reihe nach: Beginnen wir mit ein paar historischen Anhaltspunkten: In der mitteldeutschen Periode entwickelten sich im deutschen Sprachgebiet spezifisch jüdische Ausprägungen des Deutschen, die Jüdinnen:Juden untereinander sprachen. Die genaue Herkunft ist jedoch nicht eindeutig geklärt. 

Bedingt durch antijüdisches Gedankengut innerhalb der Mehrheitsbevölkerung und daraus resultierende Verfolgungen ab dem 11. Jahrhundert, wanderten zahlreiche Jüdinnen:Juden nach Osteuropa aus, besonders in das damalige Königreich Polen, sowie in das Großfürstentum Litauen. Aus diesem Grund entwickelte sich das Jiddische ab diesem Zeitpunkt in getrennte Richtungen. Im Westen stand das Jiddische weiterhin im Kontakt mit dem Deutschen und glich sich zunehmend an, was auch durch Säkularisierungen und Assimilationen bedingt war. Im Osten hingegen dominierte der Kontakt mit slawischen Sprachen, weshalb nun auch slawische lexikalische, morphologische und syntaktische Entlehnungen,  Einzug in die Sprache fanden. Ab dem späten 18. Jahrhundert setzte sich das Ostjiddische als neue Standardvarietät durch. Die Zahl jiddischer Verschriftlichungen nahm im 19. Jahrhundert zu, sowohl die religiöser, als auch die nicht religiöser Literatur. Auf diese Zeit folgte das “goldene Zeitalter” jiddischer Literatur, die bis zum 2. Weltkrieg andauerte.

Bereits im späten 19. Jahrhundert wanderten zahlreiche Jüdinnen:Juden nach Nordamerika und England ab. Auf diese Weise expandierte das Jiddische in den englischen Sprachraum und die beiden Sprachen beeinflussten sich gegenseitig. So findet man besonders im US-amerikanischen Englisch zahlreiche jiddische Wörter in der Umgangssprache. 

Die jiddische Sprache und Kultur waren über die Jahrhunderte hinweg des Öfteren Spielball der Politik in diversen Nationen. So war auch in der ehemaligen Sowjetunion der Umgang mit Jüdinnen:Juden und dem Jiddischen äußerst ambivalent. In der sehr kurzen Periode der unabhängigen Ukrainischen Volksrepublik (1917-1920) war Jiddisch eine der offiziellen Sprachen. In der Sowjetunion unter Stalin herrschte eine judenfeindliche Politik. Unter dieser verfolgte Stalin die jüdische Religion, die zionistische Bewegung und die hebräische Sprachen. Die jiddische Sprache und Literatur wurden hingegen bis zum 2. Weltkrieg gefördert und Jiddisch gehörte in den 1920er und 1930er Jahren im sowjetischen Weißrussland zu den Staatssprachen (neben Russisch, Weißrussisch und Polnisch). Zudem sollte dort eine “jüdisch proletarisch Kultur” aufgebaut werden und es wurden zwischen 1918 und 1923 wurden unter der Führung des Kriegsveteranen Simon Dimantstein jüdische Sektionen in der KPdSU gebildet. Außerdem gab es in jener Zeit jiddischsprachige Schulen, die jedoch mit einer zunehmend minderheitenfeindlichen Politik geschlossen wurden. 1928 wurde die Jüdische Autonome Oblast in der östlichen Sowjetunion gegründet, in der das Jiddische als Amtssprache eingeführt werden sollte. Dies wurde jedoch nie umgesetzt, da die jiddischsprachige Bevölkerung nie die Mehrheit dort erreichte. Mit dem Zerfall der Sowjetunion wanderten zahlreiche Jüdinnen:Juden nach Israel, Deutschland und in die USA aus. Jiddisch ist dort kaum mehr präsent. 

Dadurch, dass auch aschkenasische Jüdinnen:Juden seit langer Zeit in der Diaspora leben, gibt es nicht DAS Jiddische. Das West- und Ostjiddische wurden lange als Standardvarietäten angesehen. Offiziell standardisiert ist dies jedoch nicht. 

Zu einer Standardisierung gibt es, wie überall, verschiedene Meinungen. Befürworter:innen sagen, dass auf diese Weise die Sprache erhalten bleibt. Kritiker:innen bemängeln, dass Dialekte verloren gehen. 

Charakteristika

Da das Jiddische bislang nicht standardisiert wurde, ist es schwer, allgemein gültige grammatikalische Regeln zu beschreiben. Geschrieben wird in einem angepassten hebräischen Alphabet, aber natürlich gibt es auch hier lateinische Umschriften. 

Was den jiddischen Vokalismus betrifft, so hat es einige gemeinsame Lautveränderungen mit oberdeutschen und mitteldeutschen Dialekten. Aus diesem Grund sagen einige Deutsche aus jenen Regionen, Jiddisch würde so ähnlich wie ihr  Dialekt klingen. Jedoch sind auch im Jiddischen die Laute von Dialekt zu Dialekt unterschiedlich. Dennoch gehören zu jenen Gemeinsamkeiten beispielsweise die Entrundung der hohen Vokale, z.B. mittelhochdeutsch: jüd > jiddisch: jidd, oder auch eine Verdumpfung des langen Vokals â zu ô oder û, wie in schlafen > nordostjiddisch: schlofn,  südjiddisch: schlufn.

Des Weiteren ist die jiddische Pluralbildung sehr spannend. Hier sieht man deutlich die Einflüsse verschiedener Kontaktsprachen.

  • tisch (Tisch) -tischn

  • gorten (Garten) -gertner 

  • chaje (Tier) -chajes

  • pojer (Bauer) -pojerim

Darüber hinaus findet man im Jiddischen zahlreiche Diminutive. Ebenso bezeichnend ist die doppelte Negation. 

  • Er hot kejn sach nit gefunen.

          Er hat nichts gefunden.

Halten wir also noch einmal fest…

Die Ursprünge des Jiddischen sind nicht komplett geklärt, aber es ist eng mit dem Deutschen verwoben. Sein Sprachkontakt ist vielfältig. Ebenso vielfältig ist das jiddische Liedgut. Noch immer ist es nicht als Minderheitensprache in Deutschland anerkannt. In anderen europäischen Ländern ist es dies jedoch. Gesprochen wird das Jiddische heute noch von ultraorthodoxen Jüdinnen:Juden in den USA oder Teilen Israel, aber auch in Europa. Zudem gibt es einige wenige sekuläre Gemeinschaften, die das Jiddische weiterpflegen.

In Deutschland ist aschkenasisches jüdisches Leben, das einst florierte noch immer präsent. Beispielsweise in den SchUM-Städten Speyer, Worms und Mainz. 

Und hiermit verabschiede ich mich: Sait gesunt! 

Lisa und das alugha-Team

 

#alugha

#everyoneslanguage

#multilingual

 

Quellen: 

Groh, Arnold: Jiddisch, Wort für Wort, Kauderwelsch, Band 110, Reise Know-How Verlag Peter Rump GmbH, 2007 (3. Auflage)

https://de.wikipedia.org/wiki/Jiddisch (27.10.2021, 12:20)

https://cba.fro.at/524419 (27.10.2021, 12:23) 

https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/ist-jiddisch-deutsch-genug/ (27.10.2021, 12:24)

Bild: Foto von cottonbro von Pexels

 

 

Spannender Artikel!

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