Sprachportraits -- Teil 2: Maltesisch

Willkommen zum zweiten Teil der Serie “Sprachporträts”. Diesmal ist wieder eine besondere Sprache an der Reihe: Maltesisch. Was genau am Maltesischen so besonders ist, erfährst du hier.

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Es ist Sommer, auch wenn das Wetter zumindest bei mir nicht ganz so sommerlich ist. Vielleicht bist du gerade im Urlaub, vielleicht sogar am Mittelmeer. Die Reisefreiheit ist natürlich teilweise eingeschränkt. Corona lässt grüßen. Im Mittelmeer liegen unter anderem Inseln und Kleinstinseln namens Malta, Manoel, Gozo, Comino, Cominotto, Filfla, St. Pauls’s Islands und Fungus Rock, die zusammen die Republik Malta bilden. 

Vielleicht weißt du ja, dass dort Englisch gesprochen wird. Zu meiner Schulzeit lagen in der Schule immer Prospekte aus, in denen Sprachreisen nach Malta angeboten wurden, um dort sein Englisch zu verbessern. Nun gut, auf Malta kommt man also mit Englisch durch. Es ist neben dem Maltesischen auch eine der Amtssprachen. Aber was ist eigentlich Maltesisch? 

Maltesisch -- eine Hybridsprache?

Maltesisch ist eine semitische Sprache und zwar die einzige, die mit lateinischen Schriftzeichen geschrieben wird. Andere semitische Sprache, die du wahrscheinlich kennst, sind Arabisch, Hebräisch oder Aramäisch. Möglicherweise weißt du auch, dass das Arabische über eine Vielzahl von Dialekten verfügt, die teils sehr unterschiedlich sind (An dieser Stelle verweise ich noch einmal auf den Artikel, wie man eine Sprache von einem Dialekt unterscheiden kann). So geht man in der Linguistik davon aus, dass das Maltesische zunächst ein arabischer Dialekt war, denn es ist dem alten Tunesisch sehr ähnlich, sowie dem sizilianischen Arabisch. Andere Linguist:innen definieren Maltesisch als eine semitisch-romanische Hybridsprache.

Wie entstand das Maltesische? -- Eine kurze Historie

Die Inseln waren wohl bereits in der Steinzeit bewohnt, wurde in der Bronzezeit neu besiedelt und stand im Laufe der Jahrhunderte unter dem wechselnden Einfluss fast aller großen Kulturen der jeweiligen Zeiten, die im Mittelmeerraum vorherrschten. So war die Inselgruppe ab 800 vor Christus von der phönizischen Kultur geprägt. Diese ist semitisch-sprachig und manche Sprachwissenschaftler:innen gingen davon aus, dass das Maltesische Einflüsse derselben in sich trägt. Dies ist allerdings nicht bewiesen und höchst umstritten. Eine weitere Kultur, mit der der Archipel in Berührung kam, war der die römische Kultur ab 217 vor Christus, sowie die oströmisch-byzantinische an 395 nach Christus. 455 gehörte Malta zum Reich der germanischen Vandalen, 494 wurde es ostgotisch und somit ebenfalls germanisch, 533 wurde Malta erneut byzantinisch. Inwieweit jene Eroberer bislang die heutige Kultur und Sprache prägten kann nicht vollständig geklärt werden. 

Unumstritten ist jedoch die Prägung durch die Araber, die Malta 870 eroberten. Diese islamisierten den Archipel und führten Arabisch als neue Sprache ein. Um 991 lebten rund 6339 christliche und 14972 muslimische Familien auf den Inseln. Um 1049 kamen arabischsprachige Siedler:innen aus Sizilien nach Malta und das sizilianische Arabisch prägte die dortige Sprache ungemein. Nach 1091 stand Malta unter normannischer Herrschaft und wurde schließlich erneut von arabischsprachigen Sizilianer:innen besiedelt. Nach 1240 wurde die muslimische Bevölkerung Maltas vom Stauferkönig Friedrich II vertrieben. Ein Großteil der Bevölkerung blieb allerdings dort und konvertierte zum Christentum. Wie Sizilien stand Malta im Laufe der folgenden Jahrhunderte unter der Herrschaft der Staufer, der Anjou und fiel ab 1284 an das Königreich Aragon. Das sizilianische Arabisch verschwand, aber die Sprache auf Malta hielt sich. Unter arabischer Herrschaft waren die einzelnen Varietäten stark an das Koranarabische gebunden. Auf diese Weise wurde verhindert, dass sich die Sprache zu schnell entwickelte. Nun war das Maltesische jedoch davon unabhängig und romanische Einflüsse prägten die Sprache. 

Ab 1530 gehörte Malta zum vereinigten Königreich Spanien, das dann jedoch dem Johanniterordnen (seit der Übernahme des maltesischen Archipels Malteserorden genannt), welcher die Befestigungsanlagen am Hafen verstärkte und die Insel gegen osmanische Angriffe verteidigte. 

1798 fiel die Insel unter französische napoleonische Herrschaft. 1800 wurde schließlich ein britisches Regiment auf Malta stationiert und 1814 wurden die Inseln britische Kronkolonie. Aus diesem Grunde ist bis heute Englisch Amtssprache auf Malta und es prägt die Maltesische Sprache bis heute. Nach dem zweiten Weltkrieg gestand Großbritannien 1947 Malta die Selbstverwaltung zu und Malta erhielt schließlich 1964 die Unabhängigkeit als parlamentarische Demokratie. Malta blieb jedoch bis zum 13. Dezember 1974 Mitglied des Commonwealth. An jenem Tage wurde die Republik ausgerufen und seitdem ist die Queen nicht mehr Staatsoberhaupt Maltas. Am 1. Mai 2004 trat Malta der EU bei und Maltesisch ist eine der Sprachen der EU.

Sprachpolitisch ist zudem noch Folgendes zu erwähnen: Bereits 1924  wurden verbindliche Rechtschreibregeln zu Maltesischen erlassen und 1934 wurde Maltesisch neben dem Englischen auf Malta Amtssprache. Eine der Linguistik bekannte Problematik ist das (Nicht-)Vorhandensein von Quellen.  Der älteste maltesische Text ist das Gedicht Il Cantilena aus dem 15. Jahrhundert. Das erste maltesische Lexikon entstand bereits 1649.

Wie bereits erwähnt siehst du anhand der oben genannten Daten, dass der Archipel von diversen Sprachen und Kulturen geprägt wurde. Was dies konkret bedeutet, erfährst du im folgenden Abschnitt. 

Charakteristika des Maltesischen

Lexikon

Ursprünglich kam das maltesische Vokabular vom sizilianischen Arabische. Jedoch hat es zahlreiche romanische Einflüsse, besonders sizilianische (Allgemein wird in der Sprachwissenschaft diskutiert, ob das Sizilianische ein Dialekt des Italienischen ist oder eine eigene Sprache. Mehr zu den Sprachen in Italien kann hier nachgelesen werden. Es handelt sich hier jedoch unumstritten um eine romanische Varietät), italienische und französische. 

  1. Maltesisch: skola

Sizilianisch: scola

Italienisch: scuola

‘Schule’

  1. Maltesisch: pulizija

Sizilianisch: pulizzìa

Italienisch: polizia

‘Polizei’

Englische Lehnwörter machen rund 20% des heutigen maltesischen Vokabulars aus. Auf der anderen Seite gibt es zahlreiche englische Wörter romanischen Ursprungs, bei denen man nicht klar sagen kann, ob sie englischer oder romanischer Herkunft sind. 

  1.  Maltesisch: futbol

 Englisch: football

‘Fußball’

Grammatik

Auch in der Grammatik des Maltesischen sind natürlich die semitische Zugehörigkeit sichtbar, aber daneben gleichermaßen die englischen und romanischen Einflüsse. 

Im Maltesischen folgen Adjektive den Nomen. Nomen und Adjektive semitischen Ursprungs benötigen einen bestimmten Artikel.

  1. it     -tifel     il    -kbir

der-Junge der-ältere

‘der ältere Junge’

Adjektive romanischen Ursprungs folgen diesem Muster jedoch nicht. 

Maltesische Nomen semitischen Ursprungs sind in ihrer Pluralbildung sehr komplex. Gemäß der regelmäßigen Bildung werden diese mit -iet oder -ijiet markiert, zum Beispiel art (SG) - artijiet (PL)(“Land”). Unregelmäßige Formen fallen unter die Pluralis Fractus-Kategorie, ein phänomen, das typisch für semitische Sprachen ist. Hierbei wird der Plural durch interne Wechsel der Vokale gebildet, z.B. ktieb - kotba (Buch-Bücher).

Für Nomen romanischen Ursprungs gilt dies nicht. Diese werden im Plural am Ende entweder mit -i, wie im Sizilianischen, oder mit -jiet markiert, z.B. in lingwa-lingwi (Sprache-Sprachen). Zum Vergleich: im Sizilianischen würde es lingua-lingui heißen.

Nomen aus dem Englischen werden mit -s oder mit -ijiet in den Plural gesetzt. Je nach Kontext können sie auch die eine oder die andere Endung erhalten. Das Wort brikksa (Ziegelstein, aus dem Englischen brick) kann brikks oder brikksiet im Plural lauten.

Maltesisch verfügt über einen bestimmten proklitischen Artikel il-. Vor und nach einem Vokal wird er zu l-, wie in l-omm (‘die Mutter’). Zudem kann der Artikel sich bei gewissen Konsonanten assimilieren, z.B. ic-cikkulata (die Schokolade).

Der Maltesische bestimmte Artikel il- wird wie der italienische maskuline Artikel il ausgesprochen, verhält sich aber wie der arabische Artikel al-, weshalb davon auszugehen ist, dass er arabischen Ursprungs ist. 

Das maltesische Verbalsystem ist komplex, wie in anderen semitischen Sprachen. Eine Besonderheit ist, dass das Maltesische auch romanische Verben auf semitische Weise flektiert. 

Gelebte Mehrsprachigkeit auf Malta im Alltag

Die meisten Einwohner:innen auf Malta sind mehrsprachig und sprechen zumindest Maltesisch und Englisch. Das Englische wird heute parallel zum Maltesischen vor allem in der höheren Schulbildung und Hochschulbildung verwendet. Darüber hinaus spielt das Englische im Fernhandel, technischen Berufen, sowie im Tourismusmanagement eine entscheidende Rolle. 

Das Italienische ist zwar seit 1934 keine offizielle Sprache mehr auf Malta, wird jedoch weiterhin von vielen Malteser:innen beherrscht und in der Schule gelernt. Zudem tragen italienischen Fernsehen und Rundfunk zur Verbreitung der italienischen Sprache auf Malta einen wichtigen Teil bei.

Maltesisch ist also spannend und verhält sich anders als romanische und auch ein bisschen anders als semitische Sprachen. Zudem ist es die einzige semitische Sprache in der EU. Wenn du also eine Sprache lernen möchtest, die nicht jede*r spricht, empfehle ich Maltesisch. 

 

#alugha

#everyoneslanguage

#multilingual

 

Quellen:

https://abrahamicstudies.com/2017/03/06/maltesisch-eine-europaeisch-arabische-geschichte/ (19.08.2021, 16:35)

https://de.wikipedia.org/wiki/Malta (19.08.2021, 16:34)

https://de.wikipedia.org/wiki/Maltesische_Sprache (19.08.2021, 16:33)

https://en.wikipedia.org/wiki/Maltese_language (19.08.2021, 16:34)

https://fr.wikipedia.org/wiki/Maltais (19.08.2021, 16:34)

https://www.youtube.com/watch?v=C7VdeHdBn-g (19.08.2021, 16:36)

 

Bildquelle: Paula De la Pava Nieto via Unsplash

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