Gelebte Mehrsprachigkeit -- Teil 4: Eine deutsch-kenianische Familie erzählt

Heute erzählt uns eine deutsch-kenianische Familie von ihrem mehrsprachigen Alltag und wie ihr Baby in einer dreisprachigen Umgebung aufwächst. Das und was Sprache mit Puzzleteilen zu tun hat, erfahrt ihr hier.

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Hier bei alugha haben bereits mehrere Leute von ihrer Mehrsprachigkeit im Alltag erzählt. A. kam aus Moskau im Alter von acht Jahren nach Deutschland und ist heute polyglott; L. aus der Ukraine lernte in Deutschland ihren russlanddeutschen Mann kennen und erzählt von der Herausforderung ihre Kinder russischsprachig in Deutschland zu erziehen, und Gabriella wurde als Tochter italienischer Eltern in Deutschland geboren. Diesmal erzählt ein deutsch-kenianisches Paar von seiner Mehrsprachigkeit im Alltag und davon, wie ihr Baby in einer mehrsprachigen Umgebung aufwächst.

Eine Kindheit und Jugend voller Sprachen

Der kenianische Ehemann (hier werden keine Namen genannt) wuchs in Kenia auf und gibt an vier Muttersprachen zu haben, die Muttersprache der deutschen Ehefrau ist deutsch. Sie kam erst in der Schule mit anderen Sprachen in Berührung. In der Schule lernte sie ab der 5. Klasse Englisch, später dann auch Französisch und Spanisch. Während der Familienurlaube in Schweden lernte sie zudem Schwedisch, im Studium dann Arabisch. Als sie schließlich ihren Mann kennenlernte, begann sie zusätzlich Swahili zu lernen. Dieser kam bereits im Kindergarten mit Swahili und Englisch in Berührung, in der High-School lernte er zusätzlich Spanisch und Französisch. Während seines Au-Pair-Jahres in Deutschland 2011 lernte er dann auch deutsch. Bildung erfuhr er vorwiegend auf Englisch, seine Frau auf Deutsch. 

Der junge gebürtige Kenianer erzählt zudem: “ Meine hauptsächliche Beziehungs- und Alltagssprache ist Deutsch, da ich mit meiner deutschen Frau in Deutschland lebe und mit ihr hauptsächlich auf Deutsch kommuniziere, nur beim Beten sprechen wir beide Englisch.  Jedoch rede ich mit unserem Sohn Swahili, Englisch und Deutsch, das heißt Swahili und Englisch zählen auch zu meinen alltäglichen Beziehungssprachen. Mit meinen kenianischen Verwandten rede ich nur Swahili und Englisch und mit meinen deutschen Verwandten nur Deutsch.” Seine Frau beschreibt eine ähnliche Situation: “Meine hauptsächliche Beziehungssprache ist Deutsch, da ich mit meinem Mann nur Deutsch spreche. Jedoch rede ich mit meinen kenianischen Verwandten Englisch, mit meinen deutschen Verwandten Deutsch und mit meinem Sohn Englisch und Deutsch.”

Ein Baby in einer dreisprachigen Umgebung

Ich möchte mehr über die mehrsprachige Erziehung ihres Kindes wissen und frage noch einmal nach, ob es Situationen gibt, in denen nur eine bestimmte Sprache gesprochen wird. Der Vater antwortet mir zuerst: “Mit unserem Kind spreche ich je nachdem, wie die Sprache mir gerade in der gegebenen Situation über die Lippen kommt, Deutsch, Swahili oder Englisch. Das heißt ich habe keine Regelmäßigkeit in der Art und Weise wie ich mit meinem Sohn kommuniziere, die Sprachen kommen je nach Situation oder auch nach Lust und Laune, wenn der Kleine zum Beispiel nervt,schimpfe ich überwiegend auf Englisch mit ihm. Aber wenn er und ich gut gelaunt sind,  rede ich eher Deutsch und Swahili mit ihm. Aber auch das kann manchmal variieren.” Auch die Mutter schildert mir ihre Handhabe: “Mir meinem Kind spreche ich abwechselnd Deutsch und Englisch. Das heißt ich wiederhole auf Englisch alles, was ich vorher auf Deutsch gesagt habe. Wenn jedoch Deutsche Verwandte zu Besuch kommen, rede ich nur Deutsch mit ihm, bei kenianischen Verwandten zu Hause oder wenn diese uns besuchen rede ich nur Englisch oder teilweise (aber nur ganz selten, da ich die Sprache selbst noch erlerne) Swahili mit ihm.”

Ich merke, dass sich die deutsch-kenianischen Eltern viele Gedanken machen bezüglich der mehrsprachigen Umgebung ihres Kindes. Mich interessiert, ob sie sich für ihr Kind etwas Bestimmtes wünschen in Bezug auf seine Mehrsprachigkeit. Die deutsche Mutter meint: “Er sollte am Ende alle drei Sprachen Englisch, Deutsch und Swahili gut beherrschen können und vor allem diese unterscheiden können, also nicht durcheinander kommen bzw. auch nicht die Sprachen vermischt sprechen.” Dem kenianischen Vater hingegen ist es vor allem wichtig, dass sein Kind die Sprache spricht, mit der es sich in einer gewissen Situation am wohlsten fühlt.

Ich möchte wissen, welche Vorteile das Paar in einer mehrsprachigen Erziehung sieht und auch, ob sie denken, dass es irgendwelche Nachteile gibt. Beide sind sich einig und antworten mir: “ Die Kinder neigen dazu, die Sprachen zu vermischen oder sie sind mit einer der Sprachen überfordert und sprechen diese einfach nicht. Oder aber sie suchen sich die Sprache(n) aus, die ihnen am angenehmsten ist (sind) und sprechen nur diese. Manchmal geraten auch andere Muttersprachen, die im Land, wo die Kinder leben, als Minderheitensprachen gelten, in Vergessenheit, da die Landessprache als Alltags- und Umgebungssprache überwiegt.” 

Das Argument der Überforderung hält dem aktuellen Forschungsstand eigentlich nicht stand. Mittlerweile ist man der Ansicht, dass mehrsprachige Kinder über mehrere Sprachsysteme verfügen und nicht nur über eines. Der Begriff der ”Sprach(ver)mischung” ist wenig konkret, denn Interferenz und Transfer, also der Einfluss den Sprachen aufeinander haben können, geschieht nicht willkürlich. Die Tatsache, dass Minderheitensprachen in Vergessenheit geraten ist deutlich komplexer und mehrdimensionaler. Allerdings kann ich Eltern verstehen, die sich Gedanken machen, dass ihr Kind überfordert ist. 

Hört auf euer Herz

Schließlich frage ich das, was ich die anderen auch gefragt habe, nämlich, ob sich das Ehepaar etwas seitens der Gesellschaft oder Politik bezüglich Mehrsprachigkeitsförderung, etwas wünschen. Wieder sind sich beide einig: “ Es sollten mehr mehrsprachige Kindergärten, Schulen und Universitäten in Deutschland geben. Besonders in den Schulen fehlen mir internationale Projekte, die man in englischsprachigen High schools auf dem Tagesplan hat: zb. Die Aufführung mehrsprachiger Musicals, Theateraufführungen, Tanzshows etc. , oder internationale Schulprojekte wie Schulaustauschprogramme mit verschiedenen Partnerländern außerhalb von Europa, zb. Afrika, Amerikafänden wir gut, ebenso wie missionarische Projekte oder Spendenaktionen für arme Länder. Und mehr mehrsprachige Lehrer oder Erzieher sollten in allen Bildungseinrichtungen von Kindergarten bis Uni eingestellt werden. So können die Kulturen der mehrsprachigen Kinder besser gelebt und erfahren werden. Auch einsprachigen Kindern täte dies gut.”

Das deutsch-kenianische Ehepaar hat für sich einen Weg gefunden, ihr Kind mehrsprachig und interkulturell aufwachsen zu lassen. Deshalb frage ich sie, was sie (werdenden) Eltern mit auf den Weg geben möchte, die ihr Kind zwei-oder mehrsprachig erziehen möchten. Ihre Antwort ist eine einfache: “hört auf euer Herz, wie ihr die Kinder mehrsprachig erziehen wollt. Sprecht die Sprachen mit euren Kindern, die euch auch einfach von den Lippen kommen und die ihr gut beherrscht, sonst wird die Spracherziehung verkrampft sein.” 

Sprache als Puzzleteil

Zuletzt stelle ich ihnen noch die Frage, die ich sehr gerne stelle, nämlich wie sie sich Sprache, beziehungsweise die Einzelsprachen, vorstellen, ob sie ein Bild zur Veranschaulichung im Kopf haben. 

“Sprachen sind die Eigenschaften eines Landes oder einer Kultur und auch einer Identität eines Sprechers in seinem jeweiligen Land. Wenn die Kultur oder das Land ein Puzzle wären, wären die Sprachen somit die einzelnen Puzzleteile, also quasi Teile eines großen Ganzen. Die Sprachen sollten daher zur Wahrung der Identität und Kultur aber auch zum Wohlfühlen derjenigen Person in seinem gesamten Leben nicht in Vergessenheit geraten, sondern gefördert und stetig gesprochen werden.”

An dieser Stelle bedanke ich mich bei der Familie für ihre Zeit und ihre Antworten. Alles Gute.

 

#alugha

#everyoneslanguage

#multilingual

 

Bild: Hans-Peter Gauster via Unsplash

 

CodeNameViewsPercentage
deuDeutsch2148.84%
engEnglish2148.84%
fraFrançais12.33%
Total43100%

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