Von Sommerhits und gelebter Mehrsprachigkeit

Das Rumänische ist eine besondere romanische Sprache. Warum das so ist und was die Republik Moldau und ein Sommerhit damit zu tun haben, erfahrt ihr hier.

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Zugegeben ist der Anlass dieses Artikels direkt peinlich. Ich hatte einen Ohrwurm. Das besondere an Ohrwürmern ist bekanntlich, dass sie auch im Kopf bleiben können, wenn man das Lied doof findet. So erging es mir, als ich den Sommerhit des Jahres 2004 im Ohr hatte. Es handelt es sich um den Song “Dragostea din tei” (Liebe unter dem Lindenbaum -- nicht ganz unanzüglich) der Gruppe O-Zone. Wer möchte, kann sich das Lied auf eigene Gefahr anhören. In der westlichen Welt wurde der Text des Liedes nur selten und nur von wenigen Menschen verstanden. Viele wussten nicht einmal, um welche Sprache es sich dabei handelt. Ich kläre hier mal ein wenig auf.

Rumänisch

Das Lied wird in rumänischer Sprache gesungen. Rumänisch ist eine balkanromanische Sprache, die vorwiegend in Rumänien gesprochen wird, aber auch in der Republik Moldau (oder Moldawien), aus der die Gruppe O-Zone kommt. Später noch mehr dazu. Die Entstehung des rumänischen Sprachgebiets ist bislang nicht vollständig geklärt. Möglicherweise breitete sich der Sprachraum von der Provinz Dakien ausgehend aus. Diese wurde erst  im Jahre 107 nach Christus unter Trajan erobert und dann am Ende des dritten Jahrhunderts von Rom wieder aufgegeben. All die Theorien über die Entstehung der Rumän:innen und der rumänischen Sprache sind nicht komplett schlüssig. Jedoch gilt es festzuhalten, dass sich das Rumänische teilweise stark von anderen romanischen Sprachen unterscheidet, was daran liegt, dass es sich isolierter entwickelt hat, als die mit ihm verwandten Sprachen. Auch ist der Kontakt mit anderen Sprachen ein anderer als in den übrigen Romania. So hatte das Rumänische Kontakt mit dem Ungarischen, dem Deutschen, dem Russischen oder in Moldawien auch mit dem Gagausischen oder dem Ukrainischen, oder generell mit anderen Sprachen des Balkansprachbundes (das Konzept des Sprachbunds ist umstritten und soll hier nicht weiter ausgeführt werden). Rumänische Texte findet man erst seit dem 16. Jahrhundert vor. Davor war das Kirchenslawische die Schrift- und Kultursprache, was nicht zuletzt daran lag, dass das rumänisch-sprachige Gebiet zur orthodoxen Kirche gehört. Auch die ersten rumänischen Texte sind im kyrillischen Alphabet geschrieben. Erst seit dem 18. Jahrhundert stärkte sich das Bewusstsein dafür, dass sich das Rumänische aus dem Vulgärlateinischen entwickelt hatte und so wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts die Graphie auf das lateinische Alphabet umgestellt. 

Eine Besonderheit des Rumänischen ist, dass es die einzige romanische Sprache ist, in der die Kasusflexion noch erhalten ist. Es verfügt tatsächlich über fünf Kasus: Nominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ und über einen Vokativ. Allerdings ist es noch unklar, ob sich die Kasusflexion im Rumänischen direkt aus dem Lateinischen weiterentwickelt hat oder eine Neubildung ist. Des Weiteren ist Rumänisch die einzige romanische Sprache, die über ein Neutrum verfügt. Eine weitere Besonderheit des Rumänischen gegenüber anderen romanischen Sprachen ist, dass der bestimmte Artikel dem Bezugswort nicht vorangestellt, sondern als Enklitikon hinten angehängt wird.

Republik Moldau

Die Republik Moldau (auch Republik Moldova oder Moldawien)  ist ein Staat in Südosteuropa. Vorab sei gesagt, dass es über diesen Staat natürlich noch deutlich mehr zu sagen gibt. Das ist hier wirklich nur ein ganz, ganz kurzer Einblick. Amtssprache ist dort die jure Rumänisch. Aus separatistischen Gründen führte die Regierung 1994 die Bezeichnung die Bezeichnung “moldauische Sprache” ein, die seit 2013 jedoch nicht mehr verwendet wird. In der Linguistik ist es umstritten, ob es sich tatsächlich um eine eigene Sprache oder um eine Varietät des Rumänischen handelt (dass das aber im Allgemeinen nicht so einfach ist, habe ich aber schon mehrfach erwähnt). Ein paar Merkmale dieser Varietät gegenüber dem in Rumänien gesprochenen Rumänisch sind aus dem Russischen entlehnte Neologismen, während diese in Rumänien eher aus dem Englischen oder Französischen entlehnt werden. Zunächst wurde das moldauische Rumänisch mit kyrillischen Buchstaben geschrieben. Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1989 und der Unabhängigkeit 1991 wurde die Graphie auf das lateinische Alphabet umgestellt. In der Republik Moldau liegt das Gebiet Transnistrien, das de jure nicht als eigener Staat anerkannt wird. Diese Region ist jedoch der Republik abtrünnig und schreibt moldauisch nach wie vor mit kyrillischer Graphie.

Viele Sprecher:innen in der Republik Moldau verfügen zudem über Russischkenntnisse. Amtssprache ist es jedoch nur in Gagausien, wo zusätzlich auch das Gagausische, eine Turksprache eine solche ist. In Transnistrien ist das Russische neben dem Ukrainischen ebenfalls Amtssprache. In vielen Städten ist das Russische im Alltag und in der Wirtschaft allgegenwärtig. 

Anhand dieser Beispiele haben wir gesehen, dass die meisten Sprecher:innen des Rumänischen mehrsprachig sind. Besonders in der Republik Moldau. Die Sprachen, mit denen das Rumänische aufeinandertreffen, stammen aus sehr unterschiedlichen Familien. Ein Beispiel für gelebte Mehrsprachigkeit. 

Es gibt übrigens auch noch bessere rumänischsprachige Lieder. Eines davon ist eingebettet. 

 

#alugha

#everyoneslanguage

#multilingual

 

Quellen und weitere Literatur: 

Gabriel, Christoph & Meisenburg, Trudel (2007): Romanische Sprachwissenschaft, Paderborn: Wilhelm Fink

https://de.wikipedia.org/wiki/Dragostea_din_tei (14.07.2021, 16:04)

https://de.wikipedia.org/wiki/Republik_Moldau#Sprachen (14.07.2021, 16:01)

https://de.wikipedia.org/wiki/Rum%C3%A4nische_Sprache (14.07.2021, 16:02)

https://de.wikipedia.org/wiki/Transnistrien (14.07.2021, 16:00)

https://en.wikipedia.org/wiki/Romanian_language (14.07.2021, 16:02)

https://www.dw.com/de/republik-moldau-25-jahre-unabh%C3%A4ngig/a-19505679 (14.07.2021, 16:00)

https://www.dw.com/de/sowjet-kult-und-pragmatismus-in-transnistrien/a-17527498 (14.07.2021, 16:00)

https://www.dw.com/de/transnistrien-eine-offene-wunde-im-osten-europas/a-48717307 (14.07.2021, 16:00)

 

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