Der Becher

Kurzgeschichten, wie das Leben sie schreibt. Vom einfachen Leben einfacher Haushaltswaren.

Read this article in: Deutsch

Estimated reading time:3minutes

Heute ist Rudolfs großer Tag. Der kleine Plastikbecher steht endlich ganz vorne im Supermarktregal und kann es kaum erwarten, dass der Laden aufmacht und er gekauft werden kann. Seine 9 Brüder Richard, Georg, Rüdiger, Horst, Gerd, Edwin, Paul, Bill und Jonas sind mit ihm in einer Tüte und freuen sich genauso ungeduldig auf ihren Einsatz. Sie diskutieren aufgeregt über die Getränke, mit denen sie demnächst befüllt werden. „Ich werde bestimmt randvoll mit Apfelsaft„, meint Gerd, nur um von Edwin eine ruppige Antwort in Form von „Dich nehmen sie doch fürs Blumenwasser“ zu bekommen. Alle Becher beteiligen sich mit Begeisterung an den Spekulationen.

„Ich will voll mit Wasser sein“  -„Wasser is doch was für Mädchen“  -„Dann eben grüne Brause“  -„Ja…gegen grüne Brause hätte ich auch nichts“

„Leute! Da sind sie!“

Dieser kleine Ausruf reicht völlig, um die Becher zum Verstummen zu bringen. Gespannt schauen sie auf die näherkommenden Kunden. Die Spannung der Becher ist kaum auszuhalten. Sie freuen sich schon riesig, als der Erste vor ihrem Regal angekommen ist, doch dieser geht einfach daran vorbei. „Was für eine Frechheit„, denkt sich Rudolf, „Der nächste muss uns aber doch kaufen.“ Doch auch nach drei langen Stunden befinden sich die Becher noch in ihrem Regal und verlieren langsam den Glauben daran, ob sie heute überhaupt noch über den Tresen gehen werden, doch was ist das? Eine Gruppe Jugendlicher kommt am Becherregal vorbei. Ihr Wagen ist bis oben hin mit Alkoholischen Getränken gefüllt. Edwin freut sich. „Mann, haben die viele unterschiedliche Wasserflaschen gekauft! Da sind auch ein paar echt schöne dabei!„, meint er. Die anderen Becher haben zwar nicht so viel für „Wasserflaschen“ übrig, sagen aber nichts dazu. Endlich! Einer der Jugendlichen sieht die Becher und meint:“Hey! Wir brauchen doch noch n paar Becher zum mischen!“

Etwa 20 Sekunden später befinden sich die Becher im Einkaufswagen der Gruppe und nach einigem Warten, gefolgt vom Bezahlen, werden die Becher zusammen mit einigen Flaschen in einen dunklen Rucksack gestopft. Nach einiger Zeit und heftigem Durchschütteln werden die Becher mit den Flaschen aus dem Rucksack geholt und auf einen Tisch gestellt. Nun ist es soweit: nach 3 Monaten auf engstem Raum werden die 10 Becher aus ihrer Verpackung befreit. Kurz darauf rückt Rudolfs erster Einsatz nahe. Ein Junge greift nach ihm und setzt eine der Wasserflaschen an. „Naja…Wasser is zwar nich so der Hammer, aber endlich ist mal was in mir drin„, denkt sich Rudolf. Die anderen Becher sehen neidisch zu. Ihr Neid verwandelt sich jedoch schnell in panische Angst, als Rudolf anfängt, wie am Spieß zu schreien. „AAAHHHH! Das BREEEEHEEENNT!„, klagt der arme Becher. „Ach, die neuen!„, erklingt eine Stimme neben Rudolf.

Sie kommt von einem alten Schnapsglas, dem man seine intensive Benutzung deutlich ansehen kann. Es verkündet Rudolf die ernüchternde Wahrheit: „Jungchen, gegen Alkohol kannst du nichts machen. Dir bleibt nur zu hoffen, dass du schnell ausgetrunken wirst und das Brennen von selbst verschwindet.“ -„Aber ich wollte doch nur ein einziges Mal befüllt weheerden…Schluchz!„, bringt Rudolf hervor. Das alte Schnapsglas hat plötzlich eine Idee. Es hüpft gegen die auf dem Tisch stehende Kerze, die daraufhin herunterfällt und den Teppich in Brand setzt. Das wiederum bringt den Jungen, der Rudolf in der Hand hält, dazu, den kleinen Becher panisch wieder auf den Tisch zu werfen. Rudolf ist jetzt zwar ein wenig übel, dafür hat das Brennen aufgehört. Das alte Schnapsglas freut sich über die gute Tat, die es vollbracht hat, doch kurz darauf fängt es an, an der Qualität seiner spontanen Aktion zu zweifeln, denn sie stehen immer noch auf dem Tisch in einem mittlerweile in Flammen stehenden Zimmer. Das Schnapsglas spielt alle möglichen Rettungsmöglichkeiten durch, aber in jedem Fall müssen er und die Becher durch die Tür, die sie niemals alleine aufbekommen werden. Das Glas und die Becher haben gerade mit dem Leben abgeschlossen, als die Sprinkleranlage angeht. Das Feuer ist gelöscht und alle Getränkebehältnisse sind in Sicherheit. Der Abend ist überstanden, denn die Jugendlichen haben den Raum schließlich fluchtartig verlassen. Überdies werden die Becher und das Glas Zeuge, wie die Eltern des Gastgebers den Raum betreten und allem Anschein nach ihrem Sohn jegliche Aktivität in der Hinsicht des Alkoholkonsums verbieten werden. Die Becher freuen sich, denn ab diesem Abend werden sie nur noch für non-alkoholische Zwecke benutzt.

Und was lernen wir daraus? Um das Brennen weg zu bekommen, muss man in manchen Fällen ein kleines Feuer legen. ^^