Den Unterricht innersystemisch digitaler gestalten -- Interview mit C.

Die Corona-Pandemie hat das Konzept des Präsenzunterrichts auch in Deutschland ordentlich auf den Kopf gestellt und Schwachstellen in der Digitalisierung aufgezeigt. Wie geht es den aktuellen Lehrkräften mit der Digitalisierung des Unterrichts innerhalb eines Systems? Darüber sprach ich mit C.

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Seit ein paar Jahren gibt es alucation. Unser Ziel ist es Bildung in vielen Sprachen für alle zur Verfügung zu stellen. Das Thema digitale Bildung wurde in Deutschland mit der Bundestagswahl und natürlich auch zuvor mit der Corona-Pandemie in aller Munde. Ist dies die Zeit ein wenig umzudenken? Muss Schule digitaler werden? Welches Potential haben bereits bestehende Plattformen? Wie verändert sich die Fremdsprachendidaktik? Nun gibt es einige Denker:innen, die viele Ideen und Anregungen haben. Inwieweit dies direkt im Unterricht umsetzbar ist, vor allem als einzelne Lehrkraft, ohne dass ein Schulkollektiv oder die Politik dahinter steht, ist so eine Sache. Wie gehe ich damit also als Lehrkraft, an einer ganz normalen Schule um? Darüber sprach ich mit meiner Freundin C. Sie ist Lehrerin an einem öffentlichen Gymnasium in Baden-Württemberg, das das neunjährige Gymnasium im Modellversuch wieder eingeführt hat. Außerdem hat die Schule gerade das Prädikat “Digitale Schule” erhalten. C. unterrichtet dort die Fächer Französisch, Deutsch als Fremdsprache, Biologie, und weitere naturwissenschaftliche Kombinationsfächer. In ihrer Freizeit ist C. eher analog unterwegs und kreativ und man trifft sie auf Partys, in Theatern und Konzerten, auf und hinter der Bühne oder als Zuschauerin, oder zu Hause an ihrer Nähmaschine. 

 

Hallo C., ich freue mich dich zu sehen. Stell dich doch bitte für unsere Leser:innen kurz vor. Wer bist du? Was machst du?

 

Ich bin C. und bin Lehrerin für Biologie, BNT, NWT (naturwissenschaftlich-technische Fächerkombinationen) und Französisch. Ich habe ein Studium in Biologie und Französisch absolviert. Ein Staatsexamen war das damals noch.

Die Schule, an der ich tätig bin, ist eine reine G9-Schule, das wurde im Modellversuch wieder eingeführt und ich begrüße das sehr. 

 

Oh, das ist spannend. Darüber können wir auf jeden Fall kurz sprechen. Da hat man sicher auch mehr Zeit. Wie ist es denn mit dem Lehrplan?

 

Ja, der Lehrplan ist tatsächlich nicht so gepresst und man hat mehr Zeit auch Versuche zu machen und den Unterricht praktischer zu gestalten. Man hat mehr Zeit zum Üben. Insbesondere in der Unterstufe ist der Lernstoff anders verteilt. Man hat auch des Öfteren halbe Klassen, was deutlich besser zum Lernen ist, insbesondere für Praktika. 

In meiner Französischklasse sind auch nur 15 Schüler:innen. Das ist auch super. Jede*r kann Fragen stellen.

 

Okay, also du begrüßt kleine Klassen…

 

Wer nicht? Wer möchte 31 Fünftklässler:innen vor sich sitzen haben, wenn man auch nur 15 haben könnte? 

 

Du hast dein Referendariat während der Pandemie gemacht. Wie war das für dich? Musstest du didaktisch she umdenken? War das ganze Digitale komplett neu?

 

Teilweise. Meine Tafelanschriebe habe ich davor schon über One Note erstellt. Das konnte man dann über das Screensharing ganz einfach teilen. Da ich ein Tablet mit Stift habe, konnte ich das auch direkt alle Aufgaben korrigieren und musste nicht die Aufgaben ausdrucken, korrigieren und wieder einscannen. Das war also gut machbar. In Französisch war es sehr schwer die Aussprache zu üben. Miteinander in Kleingruppen zu sprechen war auch schwierig. Man kann per Videochat Untergruppen bilden und die Schüler:innen in verschiedene virtuelle Räume aufteilen, da sind aber auch die Chatplattformen sehr verschieden. An den verschiedenen Schulen, an denen ich war, wurden unterschiedliche Plattformen genutzt. Wie dem auch sei, man kann auch nicht überall gleichzeitig sein. Ich kann nicht in jedem Chatroom sein und zuhören. Man weiß nicht, was sie dann genau machen. Das war etwas frustrierend. Aber man hat sein Bestes getan. 

 

Das glaube ich dir. Es heißt immer, etwa in den Medien, Deutschland hinkt in puncto Digitalisierung so hinterher, auch im Bereich der Bildung. Siehst du da Nachholbedarf?

 

(C. schmunzelt) Die Server waren teilweise überlastet, deswegen wurden Ton und Bild in sehr schlechter Qualität übertragen. Wenn man das so ausbauen könnte, dass die Lernplattformen jederzeit erreichbar sind und man alle Funktionen nutzen kann, dann wäre das schon sehr gut. Allerdings werden jetzt im Präsenzunterricht die Lernplattformen weniger stark genutzt. Es war eine Ausnahmesituation. 

 

Es stellt sich ja generell die Frage, wie es weitergeht mit dem Unterricht. Was auch des Öfteren kritisiert wurde ist, dass das, was gemacht wurde, Unterricht per Videochat, keine digitale Bildung ist, sondern analoge Bildung mittels eines digitalen Mediums. Hast du Ideen, wie man, bleiben wir bei deinen Fächern, den Biologie- oder Französischunterricht digitaler gestalten kann?

 

Man kann zum Beispiel digitale Quizze erstellen. So können die Schüler:innen selbst etwas machen, sich selbst überprüfen. Man kann natürlich auch verschiedene Aufgabenformate digitalisieren. Ich stelle mir immer wieder die Frage, ob ich mich als Lehrperson überflüssig mache, wenn ich Aufgaben online stelle und auch Lösungen einblende. Eigentlich finde ich das Schöne am Lehrberuf ist, mit den Schüler:innen zu interagieren. 

 

Was anderes: Du sagtest, dass du zum Beispiel am G9 begrüßenswert findest, dass man mehr Zeit für Versuche hat. Das kam zum Beispiel zu meiner Schulzeit auch viel zu kurz. Und ich habe kein G8 gemacht. Die einzige Lehrkraft, in den Naturwissenschaften, die mal gefragt hat, ob wir mehr Versuche machen möchten, war unser Biologielehrer. Bei dem haben wir dann auch die berühmt berüchtigten Schweineaugen seziert. 

 

Das steht aber fest auf dem Lehrplan.

 

Echt? Okay, es gibt aber noch mehr Versuche. Aber genau diese stelle ich mir digital sehr schwierig vor. Vielleicht habe ich da auch eine naive Vorstellung. Aber es geht da ja auch um die Sicherheit der Schüler:innen.

 

Das ging tatsächlich gar nicht. Man kann in solchen Fällen auch nicht verlangen, dass sich die Schüler:innen selbst die Materialien für einen Versuchsaufbau anschaffen. Die sind ja auch teuer. 

 

Das stimmt. Kommen wir zum Sprachunterricht: Inwieweit siehst du da Potential ihn zu digitalisieren?

 

Ich finde Quizfunktionen im Fremdsprachenunterricht gut. Es macht meinen Schüler:innen auch mehr Spaß auf diese Weise zu lernen. Ansonsten finde ich, dass der Französischunterricht von der Interaktion lebt, mit vielen Partner- und Gruppenerarbeitungsphasen. Die Lehrkraft ist stets als Ansprechpartner bereit für Wortschatzfragen oder Aussprache. 

 

Das gestaltest du aber recht interaktiv. Zu meiner Schulzeit gab es da schon mehr Frontalunterricht.

 

Ja, aber die Kernkompetenz des Fremdsprachenunterrichts ist die Kommunikation und die Schüler:innen sollen so viel wie möglich auf Französisch sprechen. 

 

Dann hat sich im Laufe der Zeit aber nochmal einiges getan. Ältere Lehrkräfte sagten auch schon, sie können Shakespeare  oder auf französisch vielleicht eher Molière lesen, aber nicht interagieren können. Da hat sich aber auch in der Lehrerausbildung viel getan. Ganz so ausgeprägt war das zu meiner Zeit auch nicht mehr, aber Manches beruhte dann doch weniger auf Kommunikation. 

 

Ich habe in Französisch nur eine achte Klasse. Heute haben wir im Unterricht “Au marché” durchgenommen. Meiner Schüler:innen sollten einen Dialog schreiben und das auch vorspielen. Ich sage dann immer zu ihnen: “Bitte auch üben. Ich möchte das möglichst dramatisch vorgespielt bekommen.” Ich lege immer wert auf schauspielerische Präsentationen en classe. Manche kommen da richtig aus sich raus. Ich mag den theaterpädagogischen Ansatz. 

 

Das glaube ich gerne. Kommen wir zu meiner nächsten Frage: Welches Potential siehst du, vor allem, aber nicht nur, im Fremdsprachenunterricht, beim Einsatz von Videos, Audios, Podcasts, etc.?

 

Ich sehe da großes Potential. Videos nutze ich ständig. In Biologie häufiger als in Französisch. In Biologie gibt es viele audiovisuelle informative Quellen. In Französisch habe ich ein witziges Grammatikvideo gefunden. Das ist ein bisschen fetziger aufgemacht. Das werde ich am Freitag kurz vor Feierabend am Ende der Stunde zeigen. Das finden die sicherlich gut. Ich will, dass meine Schüler:innen am Französischunterricht mehr Spaß haben. Für manche ist das dann doch eine Qual. Französisch ist nicht so präsent wie Englisch. 

 

Ja, Englisch wird einfach sehr gepusht. Hier sehen alle die Notwendigkeit, dass die Sprache erlernt wird. Bei Französisch ist dies weniger der Fall. Wir denken da oftmals sehr utilitaristisch à la “Wofür brauche ich das?”. Kürzlich war der Europäische Tag der Sprachen, der dem ein bisschen entgegenwirken soll. 

 

Zum Glück hat mich die Klasse noch nie gefragt, wozu sie Französisch lernen soll. Nun gut. Podcasts habe ich tatsächlich auch schon in meinem Unterricht genutzt. Beim Online-Unterricht sagte ich ab und an: Wenn du eher der auditive Typ bist, höre dir diesen Podcast an. 

 

Du unterrichtest ja auch nicht Informatik. Manchmal ist das ja nicht so einfach selbst etwas zu programmieren. Also ich kann das nicht.

 

Ist es in der Tat nicht. Man müsste aber allgemein, sollte der Schulalltag digitaler werden, auch Endgeräte zur Verfügung stellen. Da sind viele Schulen auch nicht so ausgestattet. Beim Online-Unterricht war es ganz praktisch, da man eh schon im Internet war und die Quellen direkt aufrufen konnte. 

Was mir noch einfällt: ich mache gerne über QR-Codes etwas. Weiterführende Literatur oder Quizze können sie sich direkt auf das Handy laden. Das durfte zum Beispiel meine sechste Klasse zum Thema Pubertät und Intimhygiene.

 

Da stellt sicherlich auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung etwas bereit?

 

Genau.

 

Es kommt sicherlich auch auf das Thema an. Pubertät geht uns zum Beispiel alle an. 

 

Da gibt es auch vieles, wo sich Frontalunterricht nicht so anbietet. Das sollen sich meine Schüler:innen selbst anlesen. 

 

Kennst du schon alucation?

 

[Sie kannte es nicht]

 

Wäre das, deiner Meinung nach, an Schulen zukunftsfähig? Zum Beispiel um Fremdsprachen in den Fachunterricht zu integrieren? Zum Beispiel indem wir ein Video auf französisch im Biologieunterricht schaut? Oder dass man ein Video auf französisch dubbt und übersetzt, das aber über ein Biologiethema geht? Um Beispiele in deinen Fächern zu finden. 

 

Es gibt Videos in Biologie, die es nur auf Englisch gibt. Ein paar davon haben wir auch im Unterricht geschaut. Aber ich habe jetzt keine Fächer verknüpft, keine Wortschatzeinführungen gemacht. 

 

Gut, du bist ja auch keine Englischlehrerin. 

 

Ansonsten gehört das aber eher in den bilingualen Unterricht. In bilingualen Schulen hat man dann auch entsprechend ausgebildete Lehrkräfte. 

 

Siehst du aber in diesem Fall vielleicht die Möglichkeit, dass beispielsweise Schüler:innen mit Migrationshintergrund sich auf diese Weise in ihrer Erstsprache informieren. Könnte dies eine Chance sein?

 

Definitiv eine gute Idee. Ich unterrichte auch Deutsch als Fremdsprache. Man sollte auch Hilfen angeben für sprachlich schwächere Schüler:innen. So wäre das der perfekte Unterricht.

 

Muss man etwas in der Ausbildung für den Lehrberuf ändern, wenn Schule digitaler werden soll?

 

Es wurde ja etwas geändert. Es ist jetzt schon digitaler. Die Studierenden wurden ins kalte Wasser geworfen. Ich selbst musste mir auch Einiges selbst beibringen, aber ich bin dann ja doch mit Vielem schon aufgewachsen. Ältere Kolleg:innen hatten es da schon deutlich schwerer. Im Studium war es aber sehr analog noch. Ansonsten kann ich auf jeden Fall ein Tablet mit Stift empfehlen. Meine Schule hat jetzt auch das Prädikat “digitale Schule” bekommen. Wir sind ganz gut ausgestattet.

 

Zum Schluss noch etwas, was ich grundsätzlich gerne frage. Welche Sprachen sprichst du und welche Sprachen würdest du gerne noch lernen?

 

Ich spreche deutsch, schwäbisch (beidseitiges Lachen), französisch, englisch, ein bisschen italienisch und ich würde gerne dänisch lernen. Das ist eine lustige, süße Sprache. Ein Teil meiner Familie lebt in Dänemark. Ich habe angefangen dänisch über Duolingo zu lernen. Früher wollte ich noch mehr Sprachen lernen, aber ich habe keine Zeit und noch so viele andere Hobbys. 

Ich möchte die Sprache dann auch anwenden können. Am besten ist es eine Sprachen in einem Land zu lernen. Auch der Fremdsprachenunterricht an deutschen Schulen ist nur ein müder Abklatsch. Zum Glück gibt es Austauschprogramme. 

 

Gut, es ist immer wieder die Frage, wie man am besten Sprachen lernt. 

 

Tandempartner?! Das war schon immer das Beste. 

 

Ich finde das auf jeden Fall gut, aber bei komplexeren Sprachen ist es doch sinnvoll Grammatik zu lernen. Ich habe noch keine klare Meinung dazu, wie man am besten Sprachen lernt.

 

Worüber C. und ich am Ende nachträglich noch gesprochen haben, war das Thema Freilernen. Es ist zu groß, um es in das Interview zu packen. Mich haben dennoch ein paar Gedanken von einer Lehrerin interessiert. In Deutschland ist das verboten. C. sieht es sehr kritisch, da Schule ja auch Kompetenzen fördere, wie Sozialverhalten und sich seinen Platz in der Gesellschaft zu suchen.  Ich persönlich finde dieses Schulsystem relativ einseitig und nicht für alle Schüler:innen gleichermaßen gemacht. Dennoch käme Freilernen für mich weniger infrage. Die Gründe hierfür im Einzelnen würden den Rahmen sprengen.

Abschließend kritisiere ich mich selbst für die Führung fes Interviews. Ich hatte mich im Vorhinein nicht genug über Möglichkeiten digitaler Bildung informiert, wie etwa im Biologieunterricht die Betrachtung eines Embryos von allen Seiten mittels Augmented Reality möglich ist. Es wäre schön, wenn so etwas in der Art flächendeckend wäre. Noch immer scheinen derartige Angebote allerdings eher eine Ausnahme zu sein. 

 

Ich sehe großes Potential bei alucation. Wie wäre es sich im Biologieunterricht ein Thema zu erarbeiten, ein Video darüber zu drehen und sich dann im Fremdsprachenunterricht an den dubbr zu setzen und es dann mehrsprachig zu machen? Das wäre auch ein Geschenk für andere.

 

Was wünschst du dir von der Schule der Zukunft?

 

 

#alugha

#everyoneslanguage

#multilingual

 

 

Foto: Olesia Buyar via Unsplash

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